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45 Jahre Drag Racing: Rennleiter Jerry Lackey im Interview

30.07.2014 Kategorie: NitrOlympX

Er ist einer der Initiatoren des Drag Racings am Hockenheimring, erfolgreicher Ex-Fahrer und seit mehreren Jahren Race Director der NitrOlympX. In diesem Jahr feiert Jerry Lackey unglaubliche 45 Jahre in Drag Racing. Im Interview gibt er Einblicke in die Geschichte des Dragster-Sports, berichtet von seinen sportlichen Anfängen sowie seiner Karriere und spricht über seinen Stolz auf die NitrOlympX.

Frage: Jerry, wann war dein erster Kontakt zu dieser faszinierenden Sportart?
JL: Ich habe mit 16 Jahren das Auto vom meinem Bruder „ausgeliehen“ und bin zum lokalen Drag Strip gefahren und habe dort teilgenommen. Das Problem war, dass ich vergessen habe, die Radkappen wieder ans Auto zu machen und die Startnummer war immer noch nicht ganz weggewischt. Das war das vorläufige Ende meiner Rennkarriere.

Frage: Du selbst kommst aus North Carolina, USA, dem Mutterland des Drag Racing. Kannst du uns etwas über die Ursprünge dieses Sports erzählen?
JL: Drag Racing entstand in den 1920er Jahren in den USA zu Zeiten der Prohibition, als die Alkoholschmuggler ihre Autos tunten, um schneller als die Behörden zu sein. Vor der Polizei  wurden diese Motoren unter der Haube versteckt – the Hod Rod was born. Später lieferten sich die „Rodder“ wilde Rennen von Ampel zu Ampel. Da es viele Tote und Verletzte gab, hat man begonnen, die Racer auf die Strecke zu holen – Drag Racing was born.

Frage: Du warst von 1969 bis 2004, als einer der Ersten in Deutschland, selbst aktiver Drag Racer in mehreren Klassen. Was hat dich dabei mehr angetrieben: der Fight an der Ampel, das Duell oder die Jagd nach der schnellsten Zeit?
JL: Da ich meine Autos fast alle selbst getuned habe, war es für mich wichtig zu beweisen, dass ich sichere und auch schnelle Autos besitze. Die Duelle mit meinen Käfern in den frühen Jahren war immer eine Riesengaudi bei den Zuschauern, weil ich damit fast immer die dicken V8-Boliden geschlagen habe.

Frage: Du bist der Mitbegründer des ersten deutschen Dragstervereins, der 1969 gegründet wurde und den es heute immer noch gibt. War es am Anfang nicht schwierig, für diese noch recht unbekannte Sportart Mitglieder zu finden?
JL: Ich bin Mitbegründer der HARA (Hanau Auto Racing Association, Anm. d. R.) der erste offizielle im ONS/DMSB und im AVD/DMV eingetragene Verein in Deutschland. Anfangs hatten wir ca. 300 Mitglieder, weil der größte Teil der Mitglieder aus US-amerikanischen Soldaten bestand, die den Sport bereits aus ihrer Heimat kannten. Später wurden die Soldaten durch den Abzug der Truppen deutlich weniger, aber unter den Deutschen wurde der Sport auch immer beliebter.

Frage: Du warst 34 Jahre Vorstand der HARA und bist heute Ehrenpräsident. Hättest du dir damals nach den schwierigen Anfängen träumen lassen, dass Drag Racing in Deutschland und Europa so erfolgreich wird?
JL: Das war immer mein Ziel und ist auch einer der Gründe, dass ich damals 1986 privates Geld investiert habe, als ich zusammen mit noch vier Mann zum Hockenheimring ging und darum gebeten habe, dem Dragster-Sport in Deutschland eine Chance zu geben. Meinen Dank an Georg Seiler (Geschäftsführer der Hockenheim-Ring GmbH, Anm. d. R.) der damals an uns geglaubt hat und heute, glaube ich, froh darüber ist, dass er uns eine Chance gegeben hat.

Frage: Mit den NitrOlympX verbindet dich eine ganz besondere Liebe: 1986 warst du einer der Mitbegründer. Wenn du heute im Motodrom vor einer Kulisse von zehntausenden tobender Fans stehst, bist du stolz?
JL: Ich habe allen Grund stolz zu sein, weil ich auch meinen Beitrag dazu geleistet habe, um die NitrOlympX zu dem zu machen, was sie heute sind, nämlich die Perle des Drag Racing in Europa.

Frage: Du bist selbst schon in vielen Klassen mit verschiedenen Dragstern gefahren – welcher war dein Favorit? Der Patriot?
JL: Jet Dragster haben mich schon immer begeistert, dann habe ich mir so einen Jet-Dragster in Indiana, USA, bauen lassen. Und zwar von dem Mann, der auch schon meinem besten Freund Sammy Tosuner seine „Burning Desire“ gebaut hat. Ich habe mit Sammy quer durch Europa Shows mit Funny Car gegen Jet Dragster gemacht und es hat uns immer riesigen Spaß gemacht, die Zuschauer zu erschrecken, wenn wir mit „Mehreren-Tausend-PS-Dragstern“ über die Viertelmeile gebrettert sind. Den Namen „Patriot“ habe ich meinem Auto in Gedenken an meine Landsmänner gegeben, die zu der Zeit im Irak im Krieg stationiert waren. Obwohl ich schon so viele Jahre in Deutschland lebe, hängt mein Herz als Patriot auch noch an den USA.

Frage: 2004 hast du deine aktive Karriere mit einer beeindruckenden Fire Show in der legendären Nightshow der NitrOlympX beendet und wurdest mit frenetischem Applaus verabschiedet. War das schwer für dich nach einer so langen Zeit?
JL: Das war eine sehr schwere Entscheidung für mich, aber ich habe mit der Zeit gemerkt, dass ich langsam nicht mehr die Reflexe habe, die notwendig sind, um so ein Geschoss im Griff zu haben. Nach dem Applaus habe ich eine halbe Stunde keinen Ton mehr rausbekommen, weil ich einen dicken Knoten im Hals hatte. Ich hatte mich gefreut, dass Rico (Rico Anthes, der damalige Veranstalter und Namensgeber der Quartermile auf dem Hockenheimring, Anm. d. R.) mir erlaubt hat, meinen „Last Ride“ bei den Nitros zu machen.

Frage: Du bist selbst auch immer wieder auf Rennen in den USA. Die NitrOlympX gelten als das größte Event außerhalb der U.S. Was sind die Unterschiede? Können die Amerikaner in puncto Show noch etwas von uns lernen?
JL: Es ist mir nicht bekannt, dass es in Europa oder in den USA eine vergleichbare Night Show wie bei den NitrOlympX auf dem Hockenheimring gibt. Es haben einige Veranstalter in Europa den Versuch dazu angestrebt, hatten aber nicht mal annähernd denselben Effekt. Ich bin froh darüber, dass wir seit 2009 für die Nightshow quasi ausverkauft sind, und dabei ein wahnsinnig tolles Publikum haben. Ich reise durch halb Europa, um Besonderheiten aufzutun und wir versuchen jedes Jahr, eine Nightshow mit neuen Höhepunkten zusammenzustellen.

Frage: Heute bist du der erste Mann auf dem Platz. Der Rennleiter. Siehst du es als Vorteil im Kontakt mit den Racern, dass du selbst aktiv warst? Kannst du dadurch die Anliegen der Teams besser verstehen?
JL: Ja, natürlich ist es ein riesiger Vorteil als Ex-Racer die Aufgabe des Rennleiters zu erfüllen. Übrigens nicht nur für die Teilnehmer, sondern auch für die vielen Mitarbeiter und Helfer unseres Events, die ebenso enorm wichtig sind. Das Sprichwort „Jeder ist ersetzbar“ gilt nicht für unsere NitrOlympX-Crew, weil jeder einzelne mit Herz und Seele dabei ist. Mindestens zwei oder drei aus dieser Crew sind seit über 40 Jahren mit mir zusammen in diesem Sport, und ich bin stolz auf unsere gesamte Mannschaft auf dem Hockenheimring.

Frage: Die meisten Teams kennen dich als „Big Daddy“ auf der Strecke, der für alle ein offenes Ohr hat. Der Stresslevel muss da unglaublich hoch sein. Wie schafft man das ohne die Nerven zu verlieren?
JL: Der Stresslevel ist in der Tat sehr hoch. Aber ich habe ein Team aus Mitarbeitern, die mir viele Aufgaben abnehmen und auf die ich seit Jahren zählen kann, das hilft mir, meine Nerven einigermaßen im Griff zu halten. Ich gehe nach jedem stressigen Tag zum Brauhaus in Hockenheim, esse Apfelstrudel mit Vanilleeis und das baut mich wieder für den nächsten Tag auf.

Frage: Dieses Jahr feierst du 45 Jahre im Dienst des Dragster-Sports, warst und bist Vorstandsmitglied in zwei Vereinen, Rennleiter, Sportkommissar, Sporting Steward der UEM, Organisationsleiter des DMSB und Leiter der Streckensicherung. Der Sport hat dir so vieles zu verdanken – wenn du zurückblickst, würdest du alles wieder genauso machen?
JL: Ich würde vielleicht einige Sachen anders machen, aber mich natürlich immer wieder für den Dragster-Sport stark machen. Und solange ich mit meinen 71 Jahren gesund bleibe und die Leitung des Hockenheimrings mich dabei haben möchte, bin ich mit dabei.

Danke, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast und danke für 45 Jahre Engagement für den schnellsten Motorsport der Welt!
JL: Ich bedanke mich für euer Interesse an mir und meiner Story.